Bishop und der Pacific Crest Trail (27.04. – 10.05.)

Woher auch immer ich plötzlich so viel Power hatte, aber meine Leistung hat mich selber überrascht. Nur bei dem Gedanken an das Klettergebiet leuchten meine Augen heute noch.

John war der nette Radfahrer der mir schon in den Redrocks viele gute Tipps gegeben hat und mir dort auch angeboten hat mich später zur Autovermietung zu fahren. Jetzt am 27.04. holte er mich bei James ab. Er hat mich eingeladen mit nach Bishop zum Klettern zu kommen. John ist einfach ein toller Mensch, das kann man nicht anders sagen. Er ist 51, hat ein paar Jahre gut Geld verdient und reist jetzt solange sein gespartes Geld reicht mit einem ausgebauten Campingvan zum Klettern durchs Land. Er liebt Bücher und interessiert sich quasi für alle Themen. Wir mussten 5 Stunden bis Bishop fahren und in dieser Zeit haben wir natürlich viel gequatscht. Oft griff John dann hinter sich mit dem Kommentar: „dazu habe ich ein gutes Buch!“ Eine Bibliothek darf in einem Campingvan natürlich nicht fehlen. Unterwegs fuhren wir durch die White Mountains. John erzählte mir, dass dort Pine Trees stehen, die die ältesten Bäume der Welt seien. Das konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen die anzusehen und John hatte die auch schon lange auf seiner Liste. Da die Zugangsstraße allerdings noch vollkommen zugeschneit und gesperrt war mussten wir laufen, was ich nach 4 Stunden Fahrt sehr angenehm fand. Pine Trees wachsen grundsätzlich sehr langsam. Die Bäume auf der Nordseite des Berges bekommen so wenig Wasser, dass man dort über 4000 Jahre alte Bäume findet. Der älteste Baum ist 4700 Jahre alt. Wir standen vor einem Baum der nach (nur!) 3200 Jahre gestorben war. Diesen hatten sie einmal glatt abgesägt, so dass man sich die hauchdünnen Ringe ansehen konnte. Das Holz sah aus als ob der Baum da erst ein paar Tage liegt. In Wirklichkeit lag er dort schon 350 Jahre so, aber das Holz ist so dicht, dass es nicht verwittert und auch keine Schädlinge daran gehen. Es war ein unglaublich beeindruckendes Gefühl durch diesen Wald zu gehen und zu wissen wie alt diese Bäume sind. Wenn man das so liest hört sich das bestimmt langweilig an, aber wenn man wirklich vor so einem Baum steht fühlt es sich überwältigend an. John erzählte mir auch, dass es nur einen Organismuss auf der Welt gibt, der noch älter sei und zwar das Wurzelgeflecht amerikanischer Zitterpappeln in Utah, aus dem immer wieder neue Bäume herauswachsen. Das Alter dieses Wurzelgeflechts wird auf mindestens 80 000 Jahre geschätzt. Leider bin ich letzte Woche nur ein paar Kilometer daran vorbei gefahren.

Abends erreichten wir endlich Bishop, aber es blieb leider keine Zeit mehr, um noch bei Helligkeit Bouldern zu gehen. Naja, wir haben ja auch noch ein paar Tage.

Am nächsten morgen waren zum Klettern in einer riesigen Schlucht, in der man auch locker mal 2 stunden nur an Kletterwänden vorbei gehen kann. Ich habe leider nur einen Miniabschnitt gesehen, aber der war schon beeindruckend. John hat eine alte Schulterverletzung und da er seine Schulter nicht gleich überlasten wollte, sind wir am späten Nachmittag noch in eines der Bouldergebiete gefahren, in dem ich mich verausgaben konnte. Das Gebiet war riesig! Boulderfelsen soweit das Auge reicht. Ich wollte permanent anhalten und da bleiben, aber für den Felsen, den John mir zeigen wollte mussten wir an etwa 40 super tollen Felsen vorbeigehen. Ohne kurze Klettereinheiten an einigen Felsen war das nicht möglich. Irgendwann erreichten wir den Felsen der ein paar schöne leichte Routen hatte und eine mit einem brutalen Start, an dem ich mich bis zum Schluss vollkommen verausgabt habe.

Das erwachen am Campground war übrigens traumhaft! Ich bin mit dem ersten Sonnenstrahl auf weiße schneebedeckte Gipfel wach geworden, von denen wir umgeben waren. Da wusste man einfach jeden morgen wieder was Lebensqualität bedeutet.

Am nächsten Tag trafen wir uns mit einer Freundin von John an den gleichen Bouldern. John wollte seine Schulter noch schonen. Daher ging ich mit Jean alleine bouldern. An diesem Tag und mit neuer Kraft schaffte ich den brutalen Start dann auch und war da schon überglücklich. Die restliche Zeit mit Jean war auch einfach nur grandios und überaus erfolgreich. Sie zeigte mir viele Tricks und ich konnte einiges von ihr lernen. Jean ist ein ähnliches Energiebündel wie ich und so machten John und Jean im Anschluss noch eine Radtour, während ich dann eine Pause hatte.

Da ich nur noch wenig Haut auf meinen Fingern hatte und auch ich heute nicht mehr viel machen konnte zeigte John mit die hot springs. Es gab wohl in der nähe auch natürliche hot springs, in die nur so 3-4 Leute hinein passten, aber John wollte lieber zu welchen mit künstlich angelegtem Becken, die dann auch Duschen hatten. Für mich war es einfach ein Schwimmbad mit sehr heißem Wasser und ich fand die Vorstellung nachts bei sternenklarem Himmel in einem winzig kleinen vielleicht nicht so sauberem aber sehr warmen Becken zu sitzen irgendwie cooler. Aber ich weiß sowieso sehr sicher, nicht das letzte mal dort gewesen zu sein und fürs nächste mal freue ich mich schon auf die natürlichen hot springs. Es soll wohl nur schwierig sein die Sterne zu sehen, weil das Wasser so sehr dampft.

Einen weiteren Tag später trafen wir uns mit noch vielen anderen Leuten wieder in der Schlucht. Es waren sehr gute Kletterer dabei und da sich irgendwie alle kannten nutzte auch jeder die Seile von jedem. Ich probierte eine Route aus, die eigentlich etwas über meinem normalen Niveau war. Da ich aber mit der amerikanischen Bewertungsskala noch nicht zurechtkam probierte ich einfach aus was sich wie schwer anfühlt. Ich habe dann auch einen Schwierigkeitsgrad gefunden, an dem ich wirklich zu kämpfen hatte, aber ich habe zwei Routen in diesem Grad geschafft. Abends realisierte ich, dass ich nach deutscher Bewertung eine 8+ geklettert bin. Das höchste was ich in Deutschland jemals geschafft hatte war eine 8- und da war ich recht gut im Training. Zwischen 8-, 8 und 8+ liegen jeweils große Unterschiede. Zuletzt bin ich in Deutschland meistens eine 6+ geklettert und eine 7- war schon schwer für mich. Da merkt man mal sehr deutlich, wie viel es bringt, wenn man fast jeden Tag nur ein bisschen an einem Felsen rumbouldert. Und bei dem Bewegungspensum schaffe ich es einfach nicht genug zu essen, um mein Gewicht zu halten. Und jedes Kilo was man leichter ist spürt man enorm beim Klettern.

Ich wäre sehr gerne noch länger in Bishop geblieben, aber ich wollte auf dem Pacific Crest Trail lieber ein paar Tage Puffer haben. John brachte mich morgens in die Stadt. Es gab dort eine Touristeninformation, die auch für die PCT Genehmigungen zuständig war. Ich hatte mich vorher schon mit vielen Leuten unterhalten, die mir alle sagten, dass bei Bishop zu viel Schnee auf dem PCT liegt, um diesen ohne Schneeschuhe gehen zu können. Ich hätte zwar auch Schneeschuhe leihen und später zurücksenden können, aber da mir die Lokals alle empfohlen etwas nach Süden zu reisen und dann in den PCT einzusteigen vertraute ich diesen Leuten einfach mal. Der Mann bei der Information meinte noch, dass ich mir ab der Stelle, wo ich einsteigen wollte absolut keine Gedanken über Bären machen müsse. Außerdem wäre für den Part keine Genehmigung erforderlich und einen Bärenkanister (einen speziellen Kanister für alle Lebensmittel, Seifen, Zahnpasta,…) könne er mir auch nicht geben. Also zog ich ohne Kanister los.

Als ich trampen wollte fand ich einen netten Menschen, der meinte er hätte eh gerade nichts zu tun und so lange ich das Spritgeld bezahle fährt er mich eben mal nach Süden. (Etwa 2 Stunden Fahrt). Was sich für deutsche vollkommen unfassbar anhört, dass jemand so etwas einfach mal eben macht scheint hier in Amerika normal zu sein. Ich hatte in einem Cafe nur gefragt, ob zufällig jemand Richtung Süden fährt oder jemanden wüsste, der mich mitnehmen könnte und als die meisten den Kopf schüttelten, bot Colin von sich aus an mich zu fahren.

Colin fuhr mich noch ein ganzes Stück näher, als ich es eigentlich geplant hatte. Ich stieg aus bedankte mich und vergaß natürlich prompt meine Walkingsticks in seinem Auto. Bis hier her hatten sie mich jeden Tag genervt und ich habe immer sehr bewusst an die Sticks denken müssen, um sie nicht irgendwo zu vergessen und dann wenn man sie endlich mal braucht vergisst man sie. Naja so ist das leben. Meine Karte zeigte mir eigentlich, dass die Straße dort den PCT treffen sollte. Allerdings war der Maßstab etwas zu klein. Ich hatte eine App die mir mit Kompass die genaue Richtung zeigte und mir sagte, dass ich 1,28 mi durch den Wald gehen müsse. Hörte sich für mich erst mal nicht viel an und ich marschierte tapfer in den Wald nach etwa 15 Minuten schaute ich mir die vielen Fußspuren mal genauer an. Und was immer mir der Mann in Bishop erzählen mochte war einfach falsch. Meine Pfardfinderkenntnisse waren eindeutig gut genug, um diese Spuren als Bärenspuren zu erkennen und zwar von Mama und Kind! Vielleicht sogar noch Papabär dazu. Ich fand sogar Spuren in denen man die ausgefahrenen Krallen gut erkennen konnte. Diese sandigen Böden zeichnen alles ab. Also flüchtete ich wie von einer Hornisse gestochen wieder aus dem Wald. Noch hatte ich nichts in meinem Rucksack bärensicher verpackt und es konnte nur wenige Minuten dauern bis sie rochen, dass ich vermutlich in ihrem Wohnzimmer stehe.

Diese Bären hier sind nicht sehr aggressiv, aber sie lieben es auch leicht an Futter ran zu kommen und gerne traben sie einem dann auch mal ganz entspannt hinterher. Wo ich lang gegangen bin riechen sie schon. Ich erinnerte mich sehr gut daran in der neunten Klasse gelernt zu haben, dass Menschen etwa 2 cm² sensorische Riechfläche haben, Hunde etwa 4 cm² und Bären 12 cm². Deswegen wollte ich nicht gerne irgendwo stehen bleiben und erst mal gemütlich meinen Rucksack umpacken und dabei auf eine ganze Bärenfamilie warten. Ich machte mich so schnell wie möglich auf den Weg nach Süden.Auf der Straße fand ich ebenfalls sehr deutlich erkennbare Bärenspuren, Schlangenspuren,…

Die Straße führte fast parallel zum Trail nach Süden und so kam ich rechtzeitig mit Einbruch der Dunkelheit aus dem Wald heraus. Zudem ging es nach dem Ende des Waldes 200 hm in Serpentinen abwärts und unten war ein ziemlich großes freies Feld und außerdem noch der Lärm vom Highway, den ich fast erreicht hatte, so dass ich mir ziemlich sicher war, dass Bären dort eigentlich nicht gerne hin gehen. Dafür brauchen sie schon einen besseren Grund als Sonnencreme und Zahnpasta, die ich mittlerweile sehr gut verpackt hatte. Trotzdem traute ich mich nicht mir abends die Zähne zu putzen und so sicher ich mir auch war nicht von den Bären besucht zu werden, hatte ich trotzdem eine ziemlich beschissene Nacht. Ich schlief nur sehr leicht und hatte die ganze Nacht meine Taschenlampe in der Hand. Bei jedem noch so kleinen rascheln, oft auch Geräusche die ich selbst verursachte, war ich hellwach. Ich hatte sogar einen Traum im Traum. Das hatte ich schon ewig nicht mehr, aber zuerst träumte ich, dass ich nachts Bärenbesuch hatte, wachte dann aus diesem Traum auf, war super froh, dass es nur ein Traum war und als ich mich umdrehte sah ich, dass das halbe Zelt hinter mir von einer Bärentatze aufgerissen war. Ich erschrak fast zu Tode, wie ich davon nicht wach geworden sein konnte und überlegte, ob mein letzter Traum wirklich ein Traum oder echt war, bis ich auch endlich aus diesem Alptraum aufwachte und feststellte, dass das Zelt doch noch heile war. Ich war so kaputt, dass ich nach Sonnenaufgang noch mal 2-3 Stunden einschlief, obwohl ich eigentlich bei Sonnenaufgang losgehen wollte. Bei Helligkeit fühlte ich mich sicherer und konnte besser schlafen. Wenn sie nachts noch nicht bis hier her gekommen waren, würden sie tagsüber erst recht nicht kommen.

Am Highway nahm mich das erste Auto gleich mit und brachte mich direkt zum PCT, von dem ich mich etwa 12km entfernt hatte. Es war bereits Mittags, als ich endlich auf dem PCT startete. Meine erste schlechte Erfahrung war, dass mir heute das Adrenalin fehlte, ich mich vom ersten Tag vollkommen ausgepowert fühlte, ich immer noch müde war, mein Rucksack plötzlich eine Tonne wog und ich auch noch einen Berg hoch gehen sollte (hoch schleichen wäre fast passender). Ich machte in den ersten 2 Stunden 45 Minuten Pause und kam also nicht wirklich vom Fleck. Da ich ab hier auch wirklich in der Wüste angekommen war, war es auch noch unerträglich heiß in der Mittagszeit und ich überlegte mir, dass es sinnvoll sei in den Abendstunden und frühen Morgenstunden zu gehen. Mit den Abendstunden wurde es aber schon mal nichts. Um 18h suchte ich mir einen Zeltplatz und um 18:30 schaffte ich es nicht mal mehr 3 Seiten in meinem Buch zu lesen, weil ich tief und fest schlief (für nur 11,5 Stunden…). Ja, wie ich feststellte brauchte ich jeden Tag mindestens 10 Stunden Schlaf. Mit dem Walken in den Morgenstunden klappte es deutlich besser. Da war ich fit, es war noch kühl und dann kam mein großer Feind, die Sonne. Eigentlich weiß ich ja, dass ich die Sonne mag, aber zum Mittag fielen mir nur Schimpfwörter und Flüche für die Sonne ein. Wasser hatte ich zum Glück immer genug dabei. Der Trail ist so gut organisiert, dass an sehr langen Passagen zwischen natürlichen Wasserquellen Wasser an den Straßen abgestellt wird. So habe ich anfangs alle 20-25km Wasser gefunden, wo ich meine Flaschen wieder auffüllen konnte. Nur die die letzten beiden Tage waren mal längere Passagen mit einmal 36km und 32km zwischen den Quellen. Aber in dem Gebiet gab es einfach keine Straßen. Zuerst fiehl mir das Gehen von Tag zu Tag leichter. Nachdem der zweite Tag so mieserabel war und ich mich 50 Jahre älter fühlte, hatte ich das am dritten Tag morgens noch das Gefühl endlich wieder ein Energiebündel zu sein. Ab mittags verfluchte ich die zwar Sonne wieder, aber auch das kannte ich ja schon. Am vierten Tag fühlte ich mich nochmal viel besser und freute mich sehr darüber. So könne es gerne weiter gehen. Allerdings verfluchte ich mittlerweile auch meinen Rucksack, weil ich trotz tapen mehrere Scheuerstellen hatte, über die ich jetzt auch nicht mehr so einfach drüber tapen konnte. Da half es dann nur die Rucksackeinstellungen regelmäßig zu verändern, so dass immer unterschiedliche Bereiche belastet wurden.

 

Der Weg war oft sehr unterschiedlich und ich habe gerade gar kein Bild von den richtigen Wüstenabschnitten, wo auch keine Büsche mehr waren. Aber es war traumhaft schön, wie viele Blumen trotzdem überall noch blühten. Von Februar bis April findet man meistens Blumen in der Wüste. Und letztes Jahr hat es sehr viel geschneit und geregnet. Letztes Jahr gab es im Death Valley sogar einen super Flow. Der findet nur alle 10-15 Jahre mal statt und hat, nach 2 heftigen Regengüssen, sogar das Death Valley komplett erblühen lassen.

Was auch immer am fünften Tag los war, ist eine gute Frage, die ich auch nicht beantworten kann. Ich fühlte mich plötzlich so schlapp und kraftlos wie am zweiten Tag. Schon morgens viel mir das Gehen schwer. Ich machte sehr häufig Pausen, was auch bedeutete, dass ich den Rucksack häufig auf- und absetzen musste. 1-2 mal dachte ich den Rucksack einfach nicht alleine aufgesetzt zu bekommen. Der hatte mit der Wassermenge etwa 23 kg. Zum Glück kam ich den Tag in ein Waldgebiet, dass etwas kühler war. Mittags merkte ich, dass mein rechter Oberschenkel taub wurde, was eindeutig von der Lendenwirbelsäule kam. Das brachte mich endgültig an meine Grenzen und zwar nicht nur körperlich, sondern auch psychisch. Ich wollte den Trail abbrechen, aber da ich mitten in der Wüste war hatte ich nicht viele Möglichkeiten. Ich beschloss mich erst mal hinzulegen und Mittagsschlaf zu machen, damit ich danach hoffentlich klarer denken konnte. Nach einer Stunde Schlaf merkte ich, dass es nicht viel zu überlegen gab. Ich hatte nur die Option drei Tage zurückzulaufen, um dann in einer Stadt zu stehen, von der ich beschissen nach LA kommen würde oder 2 Tage weiter vorwärts, wo ich wusste, dass ich von Tehachapie gute Möglichkeiten hatte. Also konzentrierte ich mich ab jetzt sehr auf meine Haltung beim auf- und absetzen des Rucksacks ignorierte die Scheuerstellen, weil mir eine gute Trageposition des Rucksacks jetzt deutlich wichtiger war und machte in jeder Pause ein paar Rückenübungen. Zudem suchte ich mit einen Stock, der für meine Größe perfekt schien und der nach nur wenigen Minuten zu meinem besten Freund wurde.

Betroffen ist hauptsächlich die Nervenwurzel L3. Ich war in diesem Moment sehr glücklich meine Fachkenntnis zu haben und die Situation einschätzen zu können. Einen Arzt hätte ich auch nicht anrufen können, weil es hier nicht mal Empfang gab.

Die jetzt kommenden 2 Tage sollten die langen Wüstenpassagen ohne Wasserquellen sein. Mein Zeitplan sah so aus, dass ich mir auch entspannt 3 Tage für die beiden Strecken hätte nehmen können, aber ich hatte das „Glück“, dass es an diesen beiden Tagen so kalt war, dass ich mit Mütze Handschuhen und meiner Softshelljacke startete und diese auch den ganzen Tag brauchte. (außer die Handschuhe, die brauchte ich nur morgens). Es regnete sogar! Obwohl das hier nur sehr selten passiert. Jedenfalls brauchte ich dadurch nicht so viel Wasser mitzunehmen und das war Gewicht, was man am einfachsten sparen konnte. Ich hatte mich schnell daran gewöhnt eine 1,5 l Flasche aus einer Seitentasche vor jedem aufsetzen herauszunehmen, weil diese 1,5 kg wirklich einen spürbaren Unterschied machten, was mich selbst überraschte.

Ein weiteres Problem war, dass ich relativ wenig zu essen dabei hatte. Am fünften Tag, wo ich mich so schlapp fühlte habe ich einfach mal die doppelte Haferschleimration gegessen, die eigentlich für den sechsten Tag geplant war. Ich hätte für die geplante Strecke normal nur 4 Tage und wenn ich langsam ging 5 Tage brauchen sollen. Ich war wohl sehr langsam. Naja wie auch mit dem Wetter schon wollte das Schicksal mir einfach helfen und schickte mir Martin auf den weg. Einen Schweizer, mit dem ich mich auf Anhieb sehr gut verstand. Er konnte seinen Kopf nicht mehr ganz nach rechts drehen und war schon am überlegen in der nächst möglichen Stadt einen Physio aufzusuchen. Ich schlug ihm den Deal vor, ihn für etwas Essen zu behandeln. Natürlich nur maximal eine Tagesration. Mehr brauchte ich ja nicht und ich wollte nicht, dass er über sein Essen nachdenken und es einteilen muss.

Die Sonne hatte ausgerechnet für diese halbe stunde mal genug kraft, so dass man entspannt die Jacken ausziehen konnte und schon lag Martin mitten auf dem Weg auf unseren beiden Jacken und ich hatte seinen Kopf in der Hand, um die Halswirbelkörper zu mobilisieren. 20 Minuten später konnte er seinen Kopf wieder drehen. Wir hatten beide unseren Spaß an der Situation. Jedenfalls gab er mir hinterher noch eine Packung Trockenfleisch zusätzlich, die meine Freude, auch zu meiner eigenen Überraschung, extrem hob! Ich hatte seit dem zweiten Tag auf dem Trail einen mega Heißhunger auf Fleisch, den ich selber gar nicht nachvollziehen konnte. Normalerweise esse ich auch Würstchen nicht wirklich gerne. Trotzdem viel es mir oft sehr schwer ernsthaft über ein Thema nachzudenken, wenn man alle paar Minuten ein gegrilltes Würstchen vor seinem inneren Auge sieht. So lernt man sich selber kennen. Das war am sechsten Tag meines Tripps. Für den nächsten Tag hatte ich also noch Karotten von mir und von Martin Nudeln und zwei Powerriegel. Das Fleisch hat den Tag leider nicht überlebt. Die letzten beiden Tage hatte ich trotz relativ wenig essen wieder super viel Energie und bin den sechsten Tag 37,8km und den siebten Tag 32km gelaufen, bis ich entspannt in Tehachapie angekommen bin.

Die Einwohner hier kennen die Trailhiker, weil jeden Tag so 3-8 Hiker in die Stadt und wieder zum Trail zurück trampen. So viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft wie hier, habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt! Ich wurde von jemandem den Highway mitgenommen und am Stadtrand abgesetzt. Als ich dann gerade in die Stadt gehen wollte, hielt schon nach 2 Minuten ein Auto neben mir an und fragte wo ich hin wolle. Natürlich war der Supermarkt meine erste Anlaufstelle. Er erklärte mir, dass er selber, wenn er gerade mit dem Auto unterwegs ist immer noch mal eine Extrarunde dreht, um Hiker einzusammeln und sie irgendwo hin zu bringen. Er meinte auch ohne Rucksack erkennt man die Hiker gut an den Schuhen. Auf dem Weg zum Supermarkt zeigte er mir gleich die wichtigsten Dinge, wie z.B. ein Steakhouse, dass hinten im Garten Tippies für die Hiker stehen hat. Er meinte, dass ich mir keine Sorgen machen müsse mit meinen Einkäufen bis zum Steakhouse zurück gehen zu müssen, da wird mich schon jemand mitnehmen. Und er hatte vollkommen recht. Ich stand noch an der Kasse, als eine Mutter vor mir sich umdrehte und nur meinte: „oh brauchst du jemanden, der dich zum Steakhouse fährt?“ Ich war ziemlich überrascht, weil sie mit drei Kindern und ihrem Mann unterwegs war (bis auf einen Sohn auch alle nicht ansatzweise schlank). Aber zu wenig Platz im Auto gibt es nicht, wenn man jemandem helfen kann. Und so wurde der schlanke Sohn vorne zwischen seine Eltern gequetscht und ich passte gerade noch neben den beiden kräftigen Söhnen auf die Rücksitzbank. Da hier jeder einen pick up fährt lag mein Rucksack mit den Einkäufen hinten auf der Ladefläche.

In den Tippies vom Steakhous kann man kostenfrei schlafen. Die Wirtin ist super lieb. Sie fragt mich regelmäßig, ob ich noch genug Wasser habe oder sie meine Flasche noch mal mit eisgekühltem Wasser nachfüllen soll. Geld wollte sie dafür nicht haben. Das sei doch selbstverständlich, dass Hiker Wasser brauchen. Ihr Mann ist Indianer und hat abends für die Hiker ein Lagerfeuer gemacht einiges über seine Kultur erklärt und mehrere Musikinstrumente herausgeholt. Zudem hat er allen Süßkartoffeln und Marschmellows spendiert.

In dem Tippie habe ich sogar Strom für meinen Laptop, so dass ich euch entspannt schreiben kann. Ich bin einen ganzen Tag hier geblieben habe mich ausgeruht, Rückenübungen gemacht und mir die Stadt angesehen. Viel zu sehen gibt es hier zwar nicht, aber sehr viele wirklich nette Menschen.

Es gibt einen Bus zur nächsten Stadt, von der aus ich dann den Zug bis nach LA nehmen kann. Da aber anscheinend noch nie jemand diesen Bus benutzt hat war es nicht ganz so einfach an einen Fahrplan zu kommen oder herauszufinden, wo der Bus denn hält. Aber es war niedlich wie hilfsbereit die Leute sind. Ich hatte mich bis zum Visitorcentre durchgefragt, in dem zwei alte Damen saßen, die scheinbar nur darauf warteten jemanden zum reden zu haben. Nach einer halben Stunde kam ich auch endlich mal soweit zu Wort, dass ich nach dem Bus fragen konnte. Sie wussten zumindest wo er fährt und dass sie einen Plan haben müssten, den sie beide aber nirgends finden konnten. Im Endeffekt war ich schon aus dem Centre raus, als die eine Omi hinter mir her gelaufen kam und übers ganze Gesicht strahlte, da sie doch noch einen Plan für mich gefunden hatte.

Man sieht so oft wirklich echte Freude in den Gesichtern der Amis, die sich einfach über ein nettes Gespräch freuen und erst recht, wenn sie jemandem irgendwie helfen können. Hier bedanken sich die Menschen auch gegenseitig für jedes Gespräch, dass ihnen Freude bereitet.

Um nach LA zu kommen brauchte ich fast den ganzen Tag und es war viel langweilige Busfahrerei. Ich war um etwa 22 h am Flughafen und wollte eigentlich nur schlafen, als ein wirklich ekliger Penner immer wieder zu mir kam und mich weckte, weil er einen Schlafsack von mir haben wollte. Meiner war gut im Rucksack verpackt und das war auch gut so. Zuerst versuchte ich noch höflich und bestimmt „nein“ zu sagen, aber er war einfach so penetrant, dass ich irgendwann die Seite des Terminals gewechselt habe, wo ich allerdings aufgrund der Lautstärke und des Lichts nur halb so gut schlafen konnte.

Morgens bekam ich die nächste Hiobsbotschaft. Rapha hat sich in eine andere Frau verliebt und wir haben uns im Guten getrennt. Das bedeutet für mich erst mal meine Reise wieder umzuplanen und doch alleine zu Reisen. Momentan komme ich mit der Situation auch relativ gut zurecht, also macht euch bitte keine Sorgen um mich.

Ein Gedanke zu „Bishop und der Pacific Crest Trail (27.04. – 10.05.)“

  1. Wahnsinn, was für ein Abenteuer, da bekommt man schon vom Lesen Gänsehaut – krasse Story! Und 8+ – naja, ist von allem sicher das unwichtigste. 😉 Alles Gute weiterhin!

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